Ein Facebook-Beispiel für typischen Diskurs der Neuen Rechten / Alt-Right

Beim Zeitvertrödeln bin ich auf das anfolgende Exemplar gestoßen, dass m.E. einige der Anleihen, die die Neue Rechte laut Volker Weiß an der Linken, am Punk und am revolutionären Gehabe macht, gut darstellt, und an dem sich allgemein einige Entwicklungen der Alt-Right, die mir in sozialen Medien aufgefallen sind, gut darstellen lassen.

Anbei ist hier ein Link zu dem Post (leider recht lang): https://www.facebook.com/dogesociative/photos/a.2278501159053275/2538785549691500/?type=3&eid=ARCkIgLGIXLRFskc5WmonnmN3ygY_IXEQF8zzfUBqS7DIZRfOjozkuuCY4gqI8wwqNl3XMIKlyn4U_su&__xts__%5B0%5D=68.ARDRBC4tEZLQ5s5AoVN1XFTjFZ-gauj2YWNPtt_dlsS2SbIxiD8R25JEWKhK5ErA1Yur8nXCTol_k8El5xQlesmptDHK57V5NevapMHN2vHYmmkD7o8gjJk1dE1Rsfh5xcmle6ZDxuHhwPbHcEPFR4036VWMCy3yACJPEiPe_9YKXCre_0sUGbcKCAU74T4a86aKNVt7Y6EWDjpjr4HdG33Xq9UozjHfLT8YeafnsSHnClBSQM7Hg1X4bc2z4OAC24b2HoixbiIA5hIDMP7R4SqJwC7M7OTdr-8UAjPRnRL-X4MH4NXoCF9jiY9Tcf296meQGB5girPZj4a3HrO2Q5nKQz_f&__tn__=EHH-R

Im Folgenden sind 5 Screenshots variierender Qualität mit einer Beschreibung aufgelistet:

Wir sehen einen Post der Facebook-Meme-Seite ‚Dogesociative‘. Gepostet wurde das populäre ‚Doge‘-Meme (ein Meme mit längerer Geschichte, das sich heute bei der online-alt-right ebenso wie in völlig anderen Kontexten großer Beliebtheit erfreut). Der Text, der auf Doge-Memes gelegt wird, ist nicht ironisch gemeint. Er lautet in diesem Fall:

„Do you understand yet? There is no adventure left in modern life, you can try to seek out fun but you will never be able to quensch your primal desire for combat. They don’t want that, they want you domesticated just as livestock because their book tells them that is all you are. They see you as worthless, but their society can only last so long. Instincts cannot be contained forever, you must revolt. Show them what you want.“

Das Meme beklagt in erstaunlicher Ähnlichkeit zum frühen Ernst Jünger den Verlust von ‚Abenteuer‘, das mit urzeitlichen Bedürfnissen, die heute unterdrückt würden, verknüpft ist. Wer dies unterdrückt wird offengelassen (wir werden gleich sehen dass diese Lücke leicht mit Antisemitismus gefüllt wird), offenbar sieht der Künstler sich aber einer gesellschaftlichen Übermacht entgegen. Die Forderung ist hier nichts geringeres als: Revolte.

Der erste Kommentar erfüllt die genannte Antisemitische Ausfüllung der Lücke. Die sechs Klammern („1))“) sind eine Kodifikation für „der Jude“. „Such dir eine Therapie“ ist die Forderung an den Ersteller des Memes, die der Kommentator also dem Juden in den Mund legt. Die Therapie wird dabei wahrscheinlich als Mittel zur gesellschaftlichen Kontrolle der ‚unterdrückten Triebe‘ verstanden, mit der die geforderte Revolte unterdrückt werden soll.

Der zweite Kommentar ist ironischer Natur. Sie wird gewissermaßen dem Otto-Normal-Verbraucher in den Mund gelegt, dem ein Konsumorientierter Lebensstil unterstellt wird, welcher vermeintlich der Verblendung vor den objektiven Tatsachen dient. Wie Volker Weiß sagt, wird Konsum und die „modern society“ abgelehnt. Dass die Ehefrau des so Karikierten einen „boyfriend“ hat spielt an den wahrgenommenen Werteverfall in sexualökonomischer Hinsicht an. Es zeigt sich hier, dass die politische Reaktion immer auch eine sexuelle Reaktion ist, wie Wilhelm Reich schon 1934 feststellte.

Das erste Kommentar zeigt erneut, inwiefern sich die Reaktionäre auch als Revolutionäre, oder doch zumindest als Putschisten, verstehen.

Das Zweite Kommentar ist spannend, da es direkt auf die Verwandschaft dieser Revolte-Rethorik zur radikalen Linken hindeutet: Der Kommentator D. kommentiert ein GIF, auf dem Stalin mit seinem Hut winkend dargestellt ist. Die Botschaft ist klar: Die in dem Meme veräußerten Gedanken leiten auf den Weg zum Kommunismus. Der Ersteller des Memes fühlt sich sogleich zur Negation provoziert: So sehr seine Radikalität auch an die einiger Kommunist_innen erinnert, lehnt er diese doch stringent ab.

Die Kommentatorin E. kritisiert das Meme: Problemlösung mit Gewalt sei unnormal. Der Ersteller fühlt sich erneut provoziert und erstellt einen ähnlichen Strohmann des vermeintlich ‚normalen‘ Menschen, wie wir ihn oben gesehen haben: Durch Konsum würde er blind die ‚Lohnsklaverei‘ akzeptieren, die ihn um seine gesamte Lebenszeit beraubt.

Es ist m.E. beeindruckend und traurig zugleich, wie nah dieses Empfinden an eine tatsächlich emanzipatorische Wahrheitsempfindung heranreicht, um doch nur in blinder Wut zu verenden.

Der letzte Screenshot, indem noch zwei neue wichtige Themen auftauchen: Der Frauenhass, der in der Online-Alt-Right unverblümt zutage tritt, und der positive Bezug auf den Islam. Wo die Allianz mit Stalin (noch) ausgeschlagen wird, wird sie mit Allah, in dem wie hier die gleiche Frauenverachtung gesehen wird, immer öfter eingegangen.

Bei Memes ist vielleicht zu beachten, dass sich Ironie und Ernst nie sauber voneinander trennen lassen. Man sieht an diesen Beispielen gut, wie etwa Antisemitismus und Frauenhass in humoristischer Weise aufbereitet werden.

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