DIE NOTWENDIGKEIT NEUER ERKENNTNISTHEORIEN – EIN BEISPIEL: DIE BLACK FEMINIST EPISTEMOLOGY

Weil sich unsere Gesellschaft ständig wandelt, muss sich die Wissenschaft zwangsläufig mitverändern. Dass Wissen gut und adäquat produziert und genutzt wird, ist wichtig in den Naturwissenschaften, genau wie in den Sozialwissenschaften. Herkömmliche Methoden sind jedoch oft veraltet und stecken in problematischen Strukturen fest. Neue Erkenntnistheorien werden notwendig, wofür vor allem Feminist*innen plädieren. Eine Alternative stellt die Black Feminist Epistemology dar.

Was müssen feministische Epistemologien leisten?

Feministische Erkenntnistheorien hinterfragen die Annahme, dass es universell geltendes Wissen gibt. Sie vertreten eine neue Art des Wissens, das von einem Bewusstsein der Positionalität und Heterogenität innerhalb wissenschaftlicher Communities lebt. Die neuen Epistemologien beinhalten „womens knowledge“, beziehen aber nicht nur Geschlecht als Kategorie mit ein. Der Begriff feminist in feministische Erkenntnistheorie bleibt, da die Ursprünge der kritischen Bewegung in der Geschlechterfrage liegen. Sie stehen immer im Gegensatz zu traditioneller Philosophie, wie beispielsweise dem Positivismus, da dort Wissensansprüche von Frauen unterminiert werden (vgl. Alcoff/Potter 1993: 1ff.).

Da eine Epistemologie bestimmt und erklärt, warum wir das, was wir glauben, für die Wahrheit halten (Vgl. Hill Collins 2000: 252), spielen Machtverhältnisse eine große Rolle. In der herkömmlichen Wissenschaft liegt die Kontrolle über validiertes Wissen immer noch bei den privilegierten Gruppen. Über diese Privilegien entscheiden verschiedene Faktoren wie Geschlecht, Klasse und Race. Da das Ziel ist, diese Verhältnisse zu dekonstruieren, muss Feminismus in der Wissenschaft immer auch politisch sein. Eine Epistemologie muss, um adäquates Wissen produzieren, validieren und nutzen zu können, emanzipatorischen Charakter haben und für Demokratie in der Wissensproduktion plädieren. Das liegt daran, dass immer der Standpunkt und soziale Werte miteinbezogen werden müssen, die inhärent historischen und politischen Hintergrund haben. Dementsprechend müssen die neuen Theorien auch selbstreflexiv sein.

Neue feministische Erkenntnistheorien fragen nach der Rolle von Objektivität, nach den Forschungssubjekten und -objekten, vor welchem Hintergrund Fragestellungen formuliert und beantwortet werden und inwieweit der Standpunkt die Wissensproduktion beeinflusst und eventuelle epistemische Privilegien mit sich zieht. Außerdem ist es für sie interessant zu untersuchen, wie Wissen autorisiert wird, wer es nutzt und von ihm profitiert (vgl. Alcoff/Potter 1993: 13f.). Feministische Epistemologien müssen vor allem die herkömmliche Epistemologie und deren Strukturen und Methoden kritisieren. Man fragt also nach dem Ursprung von Wissen, bevor es genutzt wird.

Damit die neue Erkenntnistheorie angewandt werden kann, braucht es Regeln und Standards, die normativ die Adäquatheit des Wissens fördern sollen (vgl. Gergen 1988: 28). Sie müssen die Unzulänglichkeit und Problematik der herkömmlichen Methoden darstellen und Alternativen bieten, die in der Wissenschaft genutzt werden können. Sie müssen außerdem ihre eigenen Grundlagen und Rechtfertigungen klar machen. Hierarchien und Dualismen sollen abgeschafft werden und es geht nicht mehr um Individuen und wie sie Wissen produzieren. In vielen feministischen Epistemologien wird Wissen als Prozess gesehen. Wissensansprüche sind Diskurse, sie werden in Interaktion und Dialog in einem sozialen Setting entwickelt. Die wissenschaftlichen Ergebnisse können aufgrund ihres emanzipatorischen Charakters in andere Dimensionen übersetzt werden. Man sucht demnach nicht mehr nach der einen Wahrheit, sondern kritische und selbstreflexive Dialoge sollen die Wissenschaft weiterbringen (vgl. Gergen 1988: 34-43).

Beispiele

Standpunkttheorie (Sandra Harding)

In Sandra Hardings Standpunkttheorie liegt der Fokus auf der Beziehung zwischen Wissensproduktion und Machtverhältnissen. Sie möchte unterdrückte Gruppen stärken und ihnen Gehör verschaffen (vgl. Harding 2004: 1f.). Situiertes Wissen ist das Ziel. Um dieses zu erreichen, soll man das Leben marginalisierter Personen und Gruppen als Startpunkt nehmen. Frauen hätten beispielsweise einen akkurateren Blick auf das Leben von Männern und Frauen, da sie in einer unterdrückten Position sind und gleichzeitig die Werte der dominierenden Gruppen vertreten sollen. Indem Stimmen von unterdrückten Standpunkten gehört werden, soll mehr Raum für kritische Fragen und Ideen entstehen. Harding ist der Meinung, dass dadurch Objektivität maximiert werden kann (vgl. Harding 2004: 127f.). Ein wichtiger Teil der Theorie ist die strong objectivity, die stark auf Selbstreflexivität baut. Da die soziale Verortung in jedem Schritt der Forschung präsent ist (Themenauswahl, Fragestellung, Forschungsaufbau, Forschungsdurchführung, Auswertung und Interpretation), muss sich der*die Forschende einer selbstkritischen Prüfung unterziehen (vgl. Harding 2004: 136).

Kritik
„[T]he master’s tools will never dismantle the master’s house“. (Audre Lorde 1984)

In den Standpunkttheorien wird bestimmten Gruppen ein epistemisches Privileg zugesprochen. Dieses ist allerdings auch ein Werkzeug der dominierenden Gruppen und beinhaltet Hierarchien und Strukturen, die durch feministische Epistemologien abgeschafft werden sollen. Eine weitere Folge ist eine Abgrenzung der Marginalisierten im negativen Sinnen, statt einer positiven Individualisierung. Da es auch unterschiedlich marginalisierte Gruppen gibt, diese Ausgrenzung und Unterdrückung aber nicht messbar ist, kann es keine Gruppe geben, die epistemisch am privilegiertesten ist (vgl. Bar On 1993: 94ff.). Standpunkttheorien haben häufig eine essentialistische und homogene Auffassung verschiedener Gruppen (vgl. Pels 1996: 70). Trotzdem muss eingeräumt werden, dass das Phänomen eines epistemischen Privilegs viel zur Stärkung unterdrückter Gruppen beigetragen hat.

Demokratische Wissenschaft (Helen Longino)

Helen Longino spricht sich für eine neue Art des Wissens aus, in der Vorannahmen, Strukturen und Methoden hinterfragt und in den Forschungsprozess miteinbezogen werden. Sie kritisiert die unzulängliche Auffassung, die viele Standpunkttheorien von der Wissenschaft und ihrer Problematik haben. Es reicht nicht aus, den*die Forschende zu ersetzen, während Hierarchien bestehen bleiben. Longino zufolge gibt es nicht bessere und schlechtere Standpunkte zur Wissensproduktion. Außerdem sollen die neuen feministischen Epistemologien normativ sein und Standards und Kriterien bereitstellen, die eine bessere Wissensproduktion ermöglichen können. Longino plädiert für eine demokratische Wissenschaft, in der wissenschaftliches Wissen durch Interaktion und Intersubjektivität entsteht und verbessert wird. Theorien und Hypothesen müssen ständiger Prüfung unterzogen werden. Diese Prüfung soll vor dem Hintergrund verschiedener Standards entstehen, die jede wissenschaftliche Community festzulegen hat. In kritischem Dialog zwischen Wissenschaftler*innen wird prozesshaft adäquates Wissen hergestellt und modifiziert. Im Kontrast zum view from somewhere soll hier der view from everywhere/many wheres Mittel und Ziel sein (vgl. Longino 1993: 101-118).

Kritik

Longino argumentiert für eine Pluralität von Perspektiven. Dabei wird aber nicht ausreichend analysiert, dass sich viele Grundannahmen der wissenschaftlichen Communities überschneiden und so nicht hinterfragt werden. Außerdem ist nicht klar, wo und wie sie die Gruppen und deren persönliche Standards differenziert (vgl. Ernst 1999: 125).

Die Black Feminist Epistemology

Die Black Feminist Epistemology ist eine Erkenntnistheorie, die die kollektive Erfahrung Schwarzer Frauen als Ausgangspunkt nutzt und diese auch stark thematisiert. Sie hat Unterdrückung als Ursprung und Grundlage und soll institutionalisierte Praktiken beinhalten (vgl. Hill Collins S. 9).

Patricia Hill Collins

Patricia Hill Collins, geboren 1948 in Philadelphia, ist eine wichtige Soziologin, die die Wissenschaft vor allem in Bezug auf die Intersektionalität von Race und Geschlecht prägte und bis heute prägt. Ab 1965 studierte sie an der Brandeis University Soziologie und ab 1970 an der Harvard University. Danach arbeitete sie als Lehrerin und war von 1976-1980 Director des African American Center an der Tufts University, bevor sie 1980 an die Brandeis University zurückkehrte, um dort zu promovieren. Von 1982 bis 2005 war sie an der University of Cincinatti in der Abteilung der African American Studies tätig. Seit 2005 ist sie Professorin an der University of Maryland. Mit ihr erhielt der Begriff outsider within an Bedeutung. Sie war die 100ste Präsidentin der American Sociological Asociation und auch die erste afroamerikanische Frau in dieser Position.

Werke (Auswahl)

Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. New York: Routledge, 1990
Fighting Words: Black Women and the Search for Justice. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1998.
Black Sexual Politics: African Americans, Gender, and the New Racism. New York: Routledge, 2004.
From Black Power to Hip Hop: Essays on Racism, Nationalism, and Feminism. Philadelphia: Temple University Press, 2006.
Another Kind of Public Education: Race, Schools, the Media and Democratic Possibilities. Boston: Beacon Press, 2009.
Handbook of Race and Ethnic Studies. London: Sage, 2010.
On Intellectual Activism. Philadelphia: Temple University Press, 2012.
Intersectionality, mit Sirma Bilge. London: Polity Press, 2016.

Ursprünge

1990

Ihr Werk Black Feminist Thought, so Hill Collins, ist Teil ihres persönlichen Kampfes gegen Rassismus und Diskriminierung. Durch das Erkennen einer kollektiven Erfahrung, die in historische Kontexte eingebettet ist, versucht sie, den unterdrückten Stimmen Gehör zu verschaffen. Da die Analyse als Grundlage die geteilte Erfahrung Schwarzer Frauen hat, grenzt sich die Black Feminist Epistemology von feministischen Theorien Weißer, westlicher Frauen ab. Die Ideen Schwarzer Frauen sollen nicht einfach in diese Theorien übersetzt werden. Es soll eine eigene Erkenntnistheorie entwickelt werden, die aus dem Standpunkt Schwarzer Frauen erfolgt. Daraufhin sollen andere, die nicht der Community Schwarzer Frauen angehören, diese Epistemologie annehmen und ihren eigenen Standpunkt hinterfragen. Herkömmliche wissenschaftliche Erkenntnisse forcieren westliche Strukturen, das soll mit der Black Feminist Epistemology aufgehoben werden. Schwarze Frauen und deren intellektuelle Community sollen gestärkt werden und die Möglichkeit haben, durch ihre kollektive Erfahrung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, die die gesamte Wissenschaft verändern können. Hill Collins selbst musste sich in ihrer akademischen Laufbahn von ihrem Standpunkt als Schwarze Frau entfernen, um ernst genommen zu werden. Jetzt will sie aus diesem Standpunkt Wissen schöpfen. Sie erkennt auch Widersprüche und Unstimmigkeiten in der Community Schwarzer Frauen, möchte sich aber auf diese in ihrem Werk nicht konzentrieren. Ziel soll vor allem sein, den Standpunkt Schwarzer Frauen neu und akkurater zu artikulieren und das Buch als Prozess zu sehen, der es anderen ermöglicht, für sich selbst zu sprechen (vgl. Hill Collins 2000: vi-ix).

2000

Hill Collins überarbeitet ihr Werk und ändert ihre Meinungen in einigen Punkten. Sie spricht sich dafür aus, dass Schwarze Frauen ihre Stärke nicht aus ihrer Unterdrückung ziehen sollen. Fruchtbar ist es, kollektive und persönliche Erfahrung zu nutzen, aber gleichzeitig mit Außenstehenden in ihrer Wissensproduktion zusammenzuarbeiten. In dieser Ausgabe möchte Hill Collins vor allem „Black women´s empowerment and conditions of social justice“ (Hill Collins 2000: x) weiterentwickeln. Auch die vereinfachte Auffassung von Black Feminists vs. Westliche Strukturen soll abschafft werden und ein fluideres Verständnis von Schwarzem Feminismus soll deren Platz einnehmen. Hill Collins will sich jetzt darauf konzentrieren ihre Stimme zu nutzen, anstatt sie nur wieder zurückzugewinnen (vgl. Hill Collins 2000: x-xiii).

Theorien und Methoden der Black Feminist Epistemology

Die Black Feminist Epistemology ist zwar vor allem wichtig bei Forschungen zu Schwarzen Frauen, soll aber allgemein neue Wege zur Wissensproduktion bieten, die eine Alternative zur üblichen Wissenschaft darstellt. Diese perpetuiert im Kern andro- und eurozentrische Strukturen und beinhaltet damit inhärent die Unterwerfung Schwarzer Frauen. Deren Erfahrungen werden ignoriert und als unwissenschaftlich angesehen, sobald sie Paradigmen und Methoden hinterfragen.
In der Black Feminist Epistemology sollen genau diese Erfahrungen Grundlage der Wissensproduktion und Wissensvalidierung sein. Gerade zweiteres stellt eine große Problematik dar. Wissensansprüche müssen Prüfungen durchlaufen, bevor sie als korrektes Wissen gelten können. Diese Prüfungen sind geprägt von westlichen Strukturen, welche Vertreter*innen der Black Feminist Epistemology abschaffen wollen. Sobald Ideen oder Theorien aber diese Strukturen hinterfragen, werden sie nicht als Wissen validiert, da die dafür verantwortlichen Institutionen ihre Glaubwürdigkeit verlören. Schwarze Frauen müssten also Methoden verwenden und Strukturen vertreten, die sie eigentlich abschaffen und ersetzen wollen, um in der Wissenschaft ernst genommen zu werden. Dabei stehen sie vor allem dem Positivismus gegenüber, bei dem sich die Wissenschaftler*innen bewusst von Gefühlen und Vorannahmen entfernen.

Das Dilemma, gleichzeitig positivistische Methoden zu benutzen und zu hinterfragen, wird durch neue Kriterien zur Wissensvalidierung entgangen. Außerdem weichen Schwarze Frauen auf alternative Wege, Wissen herzustellen, aus. Sie erzählen ihre Geschichten im Alltag und in der Kunst. Sie schreiben Lieder und füllen sie mit Persönlichkeit und Erfahrung. Nicht nur was sie sagen ist wichtig, sondern auch wie (vgl. Hill Collins 2000: 251-256).

Die Kriterien zur Wissensvalidierung

1. Lived Experience
Hill Collins unterscheidet hier zwischen zwei Formen des Wissens: Knowledge und Wisdom. Für Schwarze Frauen ist notwendig sich bestimmtes Wissen (Wisdom) anzueignen, um ihre Stimme erheben zu können. Diese Erfahrung verbindet alle, die aufgrund ihres Geschlechts und ihrer zugesprochenen Race Diskriminierung erfahren mussten und wird bewusst für wissenschaftliche Arbeit genutzt. Sie ist ausschlaggebender als Statistiken, die Black Feminist Epistemology plädiert also ganz klar für qualitative Forschung. Persönliche Erzählung und Schilderung sind wertvolle Methoden für die Produktion von glaubhaftem Wissen (vgl. Hill Collins 2000: 257ff.).

2. Use of Dialogue
Neue feministische Epistemologien sprechen sich für eine prozesshafte, interaktive und dynamische Wissenschaft aus. Die Black Feminist Epistemology erfüllt dies durch Dialog als maßgebliches Kriterium, in dem Wissensansprüche entwickelt werden. Der Forschungsgegenstand wird auch als Subjekt und nicht mehr als Objekt angesehen. Beteiligung ist entscheidend, was auch im „Black English“ zu sehen ist. Hier gibt es grammatikalisch kein Passiv (vgl. Hill Collins 2000: 260ff.).

3. Ethics of Caring
Die Ideen und Wissensansprüche, die in den Dialogen entwickelt werden, müssen immer mit dem*r Ersteller*in verknüpft werden, da es entscheidend für die Idee ist, wie und mit welchem persönlichen Hintergrund sie entwickelt wurde. Gefühle und Empathie sind zentral und sollen als wissenschaftlich angesehen werden. Die Schwarze Kultur zeichnet eine starke Individualität aus, die auch in der Kunst, oder im quilting (siehe Abbildung) erkannt werden kann. Jede*r hat eine persönliche, individuelle Geschichte auf die er*sie sich bezieht und stolz ist. Trotzdem ist die Gemeinschaft und geteilte Erfahrung ein Teil ihrer Identität (vgl. Hill Collins 2000: 262ff.).

4. Ethics of Personal Accountability
Die Individuen müssen sich zwangsläufig positionieren und Verantwortung für ihre Wissensansprüche übernehmen. So ist es beispielsweise wichtig, dass Aretha Frankling in ihrem Lied „Respect“ nicht einfach nur singt, sondern auch hinter dem Text steht (vgl. Hill Collins 2000: 265). Es muss ihnen bewusst sein, dass ihre Ideen von persönlichen Werten beeinflusst sind. Objektivität ist nicht mehr das Ziel. Die Erkenntnis der eigenen Werte macht die Wissenschaft persönlicher und damit akkurater. Emotion, Ethik und Vernunft schließen sich nicht aus und sind gleich wichtig (vgl. Hill Collins 2000: 265f.).

„All people can learn to center in another experience, validate it, and judge it by its own standards without need of comparison“. (Brown 1989: 922)

Das Ziel der Black Feminist Epistemology ist nicht, universelles Wissen zu entdecken oder zu entwickeln, sondern den Standpunkt Schwarzer Frauen neu und besser zu artikulieren. Dieser soll in die Wissenschaft integriert werden und damit auch Intersektionalität deutlich machen. Die objektivste Wahrheit entsteht, wenn Ideen von vielen Gruppen und deren persönlichen Standards beurteilt werden. Somit ist auch bei Hill Collins´ Black Feminist Epistemology Wissen nie abgeschlossen. Sie erfüllt die Voraussetzungen neuer feministischer Erkenntnistheorien, startet aus dem Standpunkt einer marginalisierten Gruppe wie bei Harding und strebt wie Longino nach einer prozesshaften, demokratischen Wissenschaft (vgl. Hill Collins 2000: 266-271).

Anwendung an einem Beispiel: „We Can Speak for Ourselves“

Billye Sankofa Waters beschreibt in ihrem Werk „We Can Speak for Ourselves“ ihre Forschung zur Schwarzen Müttern in Chicago und deren Erfahrungen. Für ihre Studie nutzte Waters auch die Black Feminist Epistemology. So erzählt sie beispielsweise am Anfang des Werkes von ihrer eigenen Mutter und ihrer Schwarzen Community. Sie bezieht persönliche Erfahrungen mit ein, um ein klareres Bild auf ihre Forschung zu erschaffen (vgl. Waters 2016: 1f.). Sie interessiert sich für die Meinungen und das Entstehen von Wissen Schwarzer Mütter in Bezug auf Schule, Aktivismus, Race und Weiblichkeit. Für so eine Studie ist die Black Feminist Epistemology maßgeblich, da sich hier Kriterien und Vorgaben für eine adäquate Forschung finden (vgl. Waters 2016: 9). Waters selbst ist ein wichtiger Teil der Interviews, der nicht einfach von einem*r anderen Interviewer*in ersetzt werden könnte. Die interviewten Mütter interessieren sich für sie und können sich mit ihr identifizieren (vgl. Waters 2016: 29). Durch den Bezug auf ihre eigene Positionalität, erkennt sie Muster, die sie mit ihren eigenen Erfahrungen verknüpfen kann (vgl. Waters, 2016: 36). Die Autorin erklärt, dass durch qualitative Methoden Narrativen mehr Relevanz verliehen werden kann, und so aus spezifischen Erfahrungen in Tiefe auf ein Phänomen geschlossen werden kann (vgl. Waters 2016: 33).

„We are all coparticipants in this project“. (Waters 2016: 29)

Kritik

Schon bei Sandra Harding wurde eine zu homogene Auffassung bestimmter Personengruppen kritisiert. In der Black Feminist Epistemology, einer Erkenntnistheorie, die ihren Start auch beim Standpunkt einer Gruppe legt, ist dies auch zu erkennen. Geteilte Erfahrung ist der Ausgangspunkt für akkurates Wissen. Obwohl viele Schwarze Frauen ähnliche Diskriminierung erleben, ist es doch ein weiter Schritt, sie als große Community darzustellen, die durch die gleichen Erfahrungen zueinander gefunden hat. Wer gehört zu den Black Feminists? Wer darf und soll die Black Feminist Epistemology nutzen? Diese Fragen müssen beantwortet werden. Hill Collins spricht in ihrem Preface 1990 von Unstimmigkeiten, die sie erkennt aber auf die sie nicht weiter eingehen möchte. Es wäre interessant, Werke zu diesen Unterschieden mit der Black Feminist Epistemology zu verknüpfen, um sie so mit einem differenzierteren Blick betrachten zu können.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Stärkung von Geschlechterrollen. Hill Collins spricht davon, dass Frauen einfühlsamer sind und andere Beziehungen suchen als Männer (vgl. Hill Collins 2000: 261f.). Obwohl sie erkennt, dass Frauen dazu sozialisiert werden, spricht sie allen Frauen diese Qualitäten zu. Da sie hier positiv gemeint sind, stellt sich die Frage, inwiefern sich Frauen ohne diese Merkmale in die Black Feminist Epistemology integriert fühlen. Trotzdem muss auch hier eingeräumt werden, dass die Black Feminist Epistemology zur Stärkung Schwarzer Frauen maßgeblich beigetragen hat.

Quellen

Literatur

Alcoff, Linda/Potter, Elizabeth. 1993. „Introduction: When Feminisms Intersect Epostemology“, in: Alcoff, Linda/Potter, Elizabeth (Hg.). Feminist Epistemologies, New York, London. Routledge: 1–14.
Bar On, Bat-Ami. 1993. Marginality and Epistemic Privilege. In: Alcoff, Linda/Potter, Elizabeth (Hg.). Feminist Epistemologies: 83–100.
Brown, Elsa Barkely. 1989. African-American Women´s Quilting: A Framework for Conceptualizing and Teaching African-American Women´s History. Signs 14 (4): 921.
Ernst, Waldtraut. 1999. Diskurspiratinnen. Wie feministische Erkenntnisprozesse die Wirklichkeit verändern. Wien.
Gergen, Kenneth J. 1988. „Feminist Critique of Science and the Challenge of Social Epistemology“, in: Gergen, Mary M. (Hg.). Feminist thought and the structure of knowledge. New York.
Harding, Sandra (Hg.). 2004. The feminist standpoint reader. Intellectual and political controversies. New York. Routledge.
Hill Collins, Patricia. 2000. Black Feminist Thought. Knowledge, consciousness, and the politics of empowerment, New York. Revised Version.
Longino, Helen. 1993. Subjects, Power, and Knowledge: Description and Prescription on Feminist Philosophies of Science. In: Alcoff, Linda/Potter, Elizabeth (Hg.). 1993. Feminist Epistemologies, New York, London. Routledge: 101–120.
Lorde, Audre. 1984 “The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House.” in: Sister Outsider: Essays and Speeches: 110–114.
Pels, Dick. 1996. Strange Standpoints. Or, How to Define the Situation for Situated Knowledge, in: Télos, Vol. 1996 (108): 65–91.
Waters, Billye Sankofa. 2015. We Can Speak for Ourselves. Parent Involvement and Ideologies of Black Mothers in Chicago. Rotterdam.

Bildquelle

Name: Gee’s Bend quilting bee, Beschreibung: Women from Gee’s Bend work on a quilt during the 2005 ONB Magic City Art Connection in Birmingham, Alabama’s Linn Park, Datum: 23 April 2005, 14:55:43, Autor*in: Andre Natta, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gee%27s_Bend_quilting_bee.jpg, Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Internetquellen

Zu den Werken von Patricia Hill Collins: https://socy.umd.edu/sites/socy.umd.edu/files/cv/collins_patricia_hill_collins_vita_-_may_2017.pdf (letzter Zugriff am 17.03.2022).
Zu den biographischen Angaben von Patricia Hill Collins: https://www.asanet.org/about/governance-and-leadership/council/presidents/patricia-hill-collins (letzter Zugriff am 08.1.2022).

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