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Marginalisierung und epistemische Privilegien. Kritik an Standpunkttheorien
Feministische Standpunkttheorien sind im akademischen Feminismus der 1970er–1990er entstandene Epistemologien, deren gemeinsame Eckpfeiler sind:
1. Wissen ist immer situiert, das heißt, der soziale Standort von Forschenden ist immer prägend für die Forschung.
2. Marginalisierte Standpunkte bieten epistemische Vorteile.
Bekannte Vertreterinnen von Standpunkttheorien sind Sandra Harding und Patricia Hill Collins. Aber auch viele andere Wissenschaftlerinnen sprachen in ihren feministischen Epistemologien marginalisierten Standpunkten Vorteile zu, wie Nancy Hartsock oder Donna Haraway.
Dem Standpunkt marginalisierter Gruppen epistemische Vorteile zuzusprechen, ist viel kritisiert worden. Die wichtigsten Kritikpunkte sind, es sei essentialistisch und würde Marginalisierte automatisch epistemologisch privilegieren.
Konzepte von Zentrum und Peripherie
Zentrum und Periperie in Standpunkttheorien
Eine theoretische Grundlage von Standpunkttheorien ist die Unterscheidung zwischen Zentrum und Peripherie. Als Zentrum wird der soziale Ort bezeichnet, von dem aus Macht über die Peripherie ausgeübt wird, es ist die Norm, von der die Peripherie abweicht. Im Patriarchat sind demnach Männer zentral, wobei Frauen und Menschen, die nicht in das binäre Geschlechtermodell passen, peripher und marginalisiert sind. Das Zentrum ist in Bezug auf gesellschaftliche Wissensproduktion auch der Ort, von dem aus Wissensansprüche legitimiert werden können, weil die damit verbundenen Institutionen, also Universitäten und andere Forschungseinrichtungen, durch ihre Forschung selbst in die Machtausübung über die Beforschten verstrickt werden. Nach diesem Verständnis also sind in einer hierarchischen Gesellschaft die Mächtigen und Zentralen epistemisch privilegiert (vgl. Wylie/Sismondo 2015: 1).
Verschiedene marginale Epistemologien versuchten in der Vergangenheit, dem einen Gegenentwurf entgegenzusetzen, beispielsweise nationalistische, marxistische und feministische Epistemologien (vgl. Pels 1996: 65ff.). Deren Gemeinsamkeit ist eine Umkehr der epistemischen Privilegien, die sie nun bei einer marginalisierten Gruppe sehen. Feministinnen übernahmen diese Idee von Marx, der es allein dem Proletariat, also dem Großteil der kapitalistischen Peripherie zusprach, die ausbeuterische und unterdrückende Natur des Kapitalismus zu erkennen und von einer Klasse „in sich“ zu einer Klasse „für sich“ zu werden (vgl. Pels 1996: 76). Wichtig für die feministische Konzeption dessen sind neben marxistischen Feministinnen wie Nancy Hartsock auch schwarze Feminist*innen, insbesondere Bell Hooks, Audre Lorde und Patricia Hill Collins. Hooks zeichnet ein Bild der Peripherie als „space of radical possibility“ (Bar On 1993: 87) und betont die Bedeutung davon, marginalisierten Gruppen nicht die Handlungsfähigkeit abzusprechen.
Kritik
Epistemische Vorteile als direkte Folge von Marginalisierung zuzusprechen ist allerdings auch stark kritisiert worden, weil dadurch komplexe Überlagerungen verschiedener Unterdrückungs- und Marginalisierungsverhältnisse zu einem einzigen System zusammengefasst würden. Schwarze Feminist*innen, marxistische Feminist*innen, queere Feminist*innen sowie postkoloniale Feminist*innen trugen maßgeblich dazu bei, dass ab den 1960er Jahren Unterdrückung aufgrund von Geschlecht nicht mehr als getrennt von solcher wegen Race, Klasse, Sexualität und den Folgen des Kolonialismus betrachtet wird (vgl. Bar On 1993: 91). Angesichts mehrerer gleichzeitiger Diskriminierungsformen stellt sich hierbei aber die Frage, welche der vielen marginalen Positionen nun die beste Sicht bietet. Infolgedessen wurden dafür die Positionen auserkoren, die dem Zentrum am fernsten waren, was teils als lineare Abstufung und teils als Frage von mehrfachen, sich überlagernden Formen der Unterdrückung dargestellt wurde (vgl. Bar On 1993: 88ff.). Beide Konzepte implizieren aber, dass auf unterschiedliche Weise Marginalisierte trotzdem von ein und demselben Zentrum entfernt sind. Die feministische Debatte um Intersektionalität in den 1970er und 1980er Jahren sowie die um Fragen der Macht mit postmodernen Feminist*innen gingen in die Richtung, so ein Verständnis eines singulären Machtzentrums einzutauschen gegen eines von verschiedenen Zentren mit ihren respektiven Peripherien, die trotz vieler Zusammenhänge nicht zu einer einzigen Struktur zusammengefasst werden können (vgl. Bar On 1993: 92). Ohne das gemeinsame Zentrum wird es allerdings unmöglich unter verschiedenen Standpunkten den marginalisiertesten, und somit epistemisch vorteilhaftesten Standpunkt zu ermitteln.
Essentialismus
Eine weitere mit dem letzten Punkt verknüpfte Kritik ist, Standpunkttheorien würden marginalisierte Gruppen essentialisieren und dadurch ihre Unterdrückungssituation idealisieren. Schon frühe Marxisten hatten ein stark idealisiertes Bild des Arbeiters, und dieses Verhältnis lässt sich auch in dem Bild wiederfinden, das Feminist*innen von Frauen zeichnen. So spricht Nancy Hartsock von einer glorifizierten Version von Weiblichkeit, die das komplette Gegenteil einer „abstrakten Männlichkeit“ darstellt. Diese Form von Weiblichkeit sei dann insofern generalisierbar, als dass sie die Grundlage für eine völlig neue Art des Zusammenlebens aller Menschen bilden könne (vgl. Pels 1996: 79f.). An Patricia Hill Collins’ Black Feminist Epistemology wurde auf ähnliche Weise kritisiert, dass ihr Vorhaben, eine alternative Epistemologie zu der weißen und männlichen stark zu machen, die in den Praktiken schwarzer Frauen begründet ist, die Glorifizierung dieser zur Folge hat (vgl. Pels 1996: 81ff.).
„Das Ende des essentiellen Schwarzen Subjekts“
Stuart Hall forderte mit Blick auf eine antirassistische Kulturpolitik, die auf die gleiche Weise nur eine Umkehr der Bewertung der mit dem Konstrukt „Schwarz“ assoziierten Praktiken und Eigenschaften vollzieht, eine Wende, die er „das Ende des essenziellen schwarzen Subjekts“ (Hall 2018: 95-96) nennt. So eine einfache Umkehr beruht demnach immer noch darauf, dem Signifikanten „Schwarz“ bestimmte Attribute und kulturelle Praktiken zuzuordnen, durch die die rassistischen Kategorien aufrechterhalten werden, die eigentlich zerstört werden sollen.
Identität und die Konstitutiven Anderen
Feminist*innen begründeten epistemische Vorteile für Frauen oft mit:
- Traditionell als feminin bezeichneten Praktiken, beispielsweise Sorgearbeit.
- Praktiken, die scheinbar unberührt von patriarchaler Unterdrückung und trotzdem weiblich sind.
- Praktiken des Widerstands gegen die Unterdrückung (vgl. Bar On 1993: 92-93).
Sowohl für die durch das Patriarchat konstruierte Binarität zwischen Mann und Frau als auch für die durch den Westen im Zuge des Kolonialismus konstruierte Binarität zwischen dem „Westen und dem Rest“, zwischen ‚weiß‘ und ‚Schwarz‘ gilt, dass für die Konstruktion einer Identität immer der/die konstitutive Andere notwendig ist. So zeigt Stuart Hall, wie für die Herausbildung des Konzepts „Westen“ nicht nur interne Prozesse, sondern auch der Kontakt mit Nichteuropäer*innen im Zuge der sogenannten Entdeckung und Kolonisierung maßgeblich war (vgl. Hall 1994: 140-143). Von den weiblichen Praktiken, auf denen ein epistemischer Vorteil fußen soll, gibt es auf die gleiche Weise keine, bei denen die Bezeichnung dieser als weiblich nicht bestimmt ist durch die patriarchale Konstruktion von Frau und Mann als gegensätzlich, und selbst Praktiken des Widerstands sind davon durchdrungen (vgl. Bar On 1993: 94).
Automatisches Epistemisches Privileg
An dieser Stelle wurde häufig kritisiert, dass Standpuntkttheorien marginalisierte Gruppen und ihre Praktiken automatisch epistemisch privilegierten und sie somit ungerechtfertigterweise intellektualisierten. So eine Epistemologie verkehrt nach dem Konzept der totalen Umkehr moderner Epistemologien. Anstatt dem Zentrum wird nun die Peripherie als Ort für Wissensproduktion ausgewählt, und dafür nötige Praktiken sind nicht mehr die der akademischen Institutionen sondern solche, die scheinbar authentisch den Standpunkt der marginalisierten Gruppe ausdrücken würden (vgl. Wylie/Sismondo 2015: 3). Kritiker*innen befürchten darin eine Gefahr für jegliche Form der Objektivität durch den Relativismus, der daraus folge, wenn Wissen als immer kontextuell betrachtet würde und es keine Möglichkeit zum Vergleich verschiedener konkurrierender Wissensansprüche gäbe (vgl. Wylie/Sismondo: 3). Allerdings betonten Befürworter*innen von Standpunkttheorien an dieser Stelle, dass diese insbesondere in jüngeren Versionen (Harding 2004) Standpunkte nicht als automatisch, sondern vielmehr als aktiv eingenommen betrachteten. Standpunkte sind nach diesem Verständnis performativer Natur, und dieser reflexive Blick von unten braucht genauso wie die moderne Wissenschaft viel Arbeit (vgl. Pels 1996: 84).
Harding spricht sich also anstatt für einen subjektiven Relativismus für ihr Konzept der „Strong Objectivity“ aus, das Objektivität als nie erreichbares, aber dennoch erstrebenswertes Ziel neudefiniert, dem Forscher*innen durch die gezielte Miteinbeziehung der Erfahrungen Marginalisierter am nächsten kommen können (vgl. Harding 2004: 136).
„[T]he outsider within“
Frühe Standpunkttheorien, wie auch der Marxismus, konzeptionalisierten die periphere Gruppe als homogen und nach außen hin abgeschlossen. Sie zeichnete aus, dass die Gruppenidentität immer als in letzter Instanz prägend für die Individuen dargestellt wird. So gingen zum Beispiel frühe Marxisten davon aus, dass es Geschlechterunterschiede gäbe, sahen aber die Klassenzugehörigkeit einer Person als sie letztendlich determinierend (vgl. Pels 1996: 70). Durch die Begegnung mit postmoderner Theorie und die Berücksichtigung der Tatsache, dass Geschlechterverhältnisse nicht getrennt von Race, Klasse, Sexualität und (Post-)Kolonialismus betrachtet werden können, strebten Standpunkttheorien zunehmend an, generelle Epistemologien der Marginalität zu liefern. Ein zentrales Element aller Standpunkttheorien ist das Thema des „outsider within“. Die soziale Position von marginalisierten Gruppen ist demnach gekennzeichnet von Hybridität und nur teilweise von Zugehörigkeit, und diese Zwischenposition und Fremdheit ist, was ihnen epistemische Vorteile gewährt (vgl. Pels 1996: 72f.).
Marginale Intellektuelle als wahre „outsider within“
Im Zuge der Neufokussierung von Standpunkttheorien auf Marginalität und den entfremdeten, heimatlosen „outsider within“ fällt auf, dass dieser Standpunkt weniger zu peripheren Gruppen an sich passt, sondern vielmehr den von peripheren Intellektuellen beschreibt. Auch hier finden sich Parallelen zwischen marxistischen Akademiker*innen und Feminist*innen. Das wurde als der „metonymische Trugschluss“ marginaler Intellektueller bezeichnet, weil diese sich zwar stark über ihre Zugehörigkeit zur marginalisierten Gruppe identifizierten, dabei aber ihre besondere Rolle als Fürsprecher*in innerhalb der Gruppe übersahen. Das aktive Beziehen eines Standpunkts als einen Akt der Fürsprache und Repräsentation, der nötig ist, um Marginalisierte nicht automatisch zu privilegieren, ist genau die Arbeit, die intellektuelle Feminist*innen für Frauen leisten. „Outsider within“ beschreibt somit vielmehr die Rolle, die feministische Denker*innen haben, indem sie, als marginalisierte Frauen, trotzdem in ihrer Rolle als Intellektuelle auch am Zentrum teilhaben. Diese dritte Position entsteht durch ihre Sonderrolle sowohl unter Frauen als auch unter Intellektuellen, was allerdings von Vertreter*innen von Standpunkttheorien selbst wenig thematisiert wurde. Interessanterweise ähnelt diese losgelöste Position zwischen Zentrum und Peripherie, mit beiden Polen nur teilweise verbunden, letztendlich wieder aufklärerisch-modernen Konzepten des ‚dritten Standpunkts‘ der Sozialwissenschaften (vgl. Pels 1996: 73ff.).
Ein Gegenentwurf: Epistemische Autorität anstatt Privileg
Weil das Konzept der epistemischen Privilegierung das ist, das in seiner herkömmlichen Form marginalisierte Gruppen überhaupt erst aus der Wissensproduktion ausschließt und weil eine simple Umkehr dessen ohne die Macht, Wissensansprüche gegenüber den Herrschenden zu legitimieren, wenig erfolgreich sei (vgl. Bar On 1993: 96), kam die Forderung nach einem neuen emanzipatorischen Konzept auf. Marianne Janack fordert hier eine Trennung von epistemischem Privileg und epistemischer Autorität. Während sich ersteres größtenteils auf die Forschenden als Individuum und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, bestimmte Sachverhalte zu erkennen, konzentriert, beschreibt zweiteres, wie Wissensansprüche im sozialen Kontext legitimiert werden und welchen Forscher*innen auf Grundlage ihrer Privilegien eher vertraut wird (vgl. Janack 1997: 133 ff.).
Literatur
Bar On, B. A. (1993),„ Marginality and Epistemic Privilege“. In: L. Alcoff, E. Potter (Hg.), Feminist Epistemologies. New York/London, S.83–100.
Hall, S. (1994), „Neue Ethnizitäten“.In: U.Melhem et al. (Hg.), Rassismus und Kulturelle Identität. Hamburg, S.15–25.
Hall, S. (2018), Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation. Berlin.
Janack, M. (1997), „Standpoint Epistemology without the „Standpoint“?: An Examination of Epistemic Privilege and Epistemic Authority.“ In: Hypatia 12 (2), S.125–139.
Pels, D. (1996), „Strange Standpoints. Or: How to Define the Situation for Situated Knowledge“. In: Télos 1996 (108), S. 65–91.
Wylie, A., Sismondo, S. (2015), „Standpoint Theory, in Science.“ In: : International Encyclopedia of the Social and Behavioral Science. Zweite Ausgabe, Elsevier, S.324–330. Seitenangaben beziehen sich hier auf den Text zu finden unter https://philpapers.org/rec/SISSTI.