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Situiertes Wissen - "Klassische" Wissenschaft und Feministische Wissenschaftskritik: zwei Perspektiven
Das „situierte Wissen“ ist ein Begriff, welcher von Donna Haraway aufgestellt wurde und als Paradigma für die feministische Wissenschaftskritik eine zentrale Rolle spielt (vgl. Deuber-Mankowsky; Holzhey 2013: 9; vgl. Singer 2008: 293). Es beschreibt, dass unser Wissen situiert ist und thematisiert die Wissensproduktion von empirischen Subjekten, welche ihre Umwelt aus einer Denksozialisation heraus wahrnehmen (vgl. Singer 2008: 293). Das produzierte Wissen ist somit abhängig von dem gegebenen Kontext (vgl. Deuber-Mankowsky; Holzhey 2013: 18). Die Feministische Wissenschaftskritik thematisiert die Situiertheit der Wissensproduzent*innen vor allem als Kritik gegenüber der „klassischen“ Wissenschaft (vgl. Singer 2005: 258). Dies wirft zwei konträre Perspektiven auf, welche hier dargelegt werden. Um diese Positionen besser zu begreifen ist der ideale Objektivitätsbegriff der klassischen Wissenschaft zu erklären: Die Aperspektivität, welche die Situiert- und Positioniertheit als Vorurteil sieht. Individuelle und kollektive Einstellungen müssen anhand der Objektivität überwunden werden (vgl. Singer 2005: 67). Und auch die Auffassung der Objektivität in der feministischen Wissenschaftskritik trägt zur Diskussion bei: Moderne Objektivität wird im Gegensatz zur Aperspektivität als eine Vermischung von verschiedenen Schichten und Konzepten verstanden. Um zu verstehen, was wissenschaftliche Objektivität beanspruchen darf, muss diese Vermischung durch den geschichtlichen Kontext aufgearbeitet und entwirrt werden (vgl. Singer 2005: 62).
Situiertheit in der "klassischen" Wissenschaft
Vergangene Position gegenüber der Situiertheit: Max Weber und Karl Popper
Max Weber
Max Weber beschäftigte sich mit der Handhabung von Werturteilen in der Wissenschaft. Zentrale Diskussionspunkte des Werturteilsstreits sind die Frage nach dem Umgang mit der Subjektivität in der Forschung, sowie inwiefern sozialwissenschaftliche und sozialpolitische Erkenntnis objektiv sein kann (vgl. Schirmer 2009: 37f).
Die Handhabung der Subjektivität wird in Webers Werturteilsfreiheit durch die Frage, was als Wissenschaft gelten kann thematisiert. Außerdem setzte er sich mit der Auffassung von Wertungen und dem Umgang mit ihnen auseinander. Das Ziel der Sozialwissenschaften liegt für Weber darin, weltanschaulich unverzerrte Lösungen zu sachlichen Problemen hervorzubringen (vgl. Müller, Sigmund 2020: 193). Er fordert, dass die Wissenschaftler*innen die Unterteilung von Erfahrungswissen und Werturteil akzeptieren. Obwohl er einräumt, dass das wissenschaftliche Denken nicht von jeder Wertung unberührt ist, verweist Weber die subjektive Erkenntnis größtenteils in das wissenschaftliche Abseits: Sein Grundsatz ist, dass weltanschauliche Bewertungen nicht als Wissenschaft ausgegeben werden dürfen (vgl. Müller, Sigmund 2020: 193; vgl. ebd.: 290). Diese Aussage impliziert, dass die eigene Subjektivität kein Teil der Wissenschaft sein kann und darf. Außerdem haben Wertungen für Weber einen größtenteils negativen Effekt auf die Wissenschaftlichkeit: Sie beeinflussen seiner Ansicht nach beispielsweise die Akzeptanz bestimmter wissenschaftlicher Aussagen und können dazu führen, dass wissenschaftlichen Theorien weniger geglaubt wird (vgl. ebd.: 240). Weber zeigt außerdem ein Objektivitätsverständnis auf, welches der Aperspektivität ähnelt: Die Empirie darf sich in der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis nur auf die Wertideen beziehen, welche ihr einen Erkenntniswert erteilen. Ansonsten dürfen Wertungen nicht verwendet werden, um als empirischer Nachweis ihrer eigenen Geltung zu wirken (vgl. ebd.: 293).
Karl Popper
Karl Popper steht der Subjektivität ebenfalls kritisch gegenüber und verlangt eine strikte Trennung der Subjektivität und Objektivität in der Erkenntnis (vgl. Siebeck 1997: 54). Er unterteilt in drei Welten: die erste physikalische Welt, die zweite Welt der Subjektivität und die dritte Welt der Objektivität (vgl. ebd.: 40). Die subjektive Welt ist hierbei die Welt des Geistes- und Bewusstseinszustands sowie des Verhaltens und der Reaktion, während die objektive Welt die Welt der Probleme, Theorien und Argumente ist. Er macht deutlich, dass die wissenschaftliche Erkenntnis seinen Platz nur in der dritten Welt findet (vgl. ebd.: 42). Popper behauptet somit den Vorrang der objektiven Strukturen und argumentiert, dass Erkenntnis im objektiven Sinne eine Erkenntnis ohne ein erkennendes Subjekt ist (vgl. ebd.: 48; vgl. ebd.: 42). Eine Erkenntnistheorie, welche auf der zweiten Welt basiert, ist für die wissenschaftliche Erkenntnis nicht brauchbar (vgl. ebd.: 45). Trotz allem räumt er ein, dass die Arbeit der Menschen fehlbar ist und dass nicht alle Maßstäbe erfüllt werden können (vgl. ebd.: 55).
Das Objektivitätsideal: Die Aperspektivität
Die aktuelle Auffassung des Objektivitätsbegriffs ist die Aperspektivität. Dieser Begriff wurde von Lorraine Daston geprägt (vgl. Ernst 1999: 98). Die Situiert- und Positioniertheit wird hier als Vorurteil gesehen. Die Aperspektivität lehnt individuelle sowie kollektive Interessen und Einstellungen ab. Diese müssen durch die Objektivität überwunden werden. Erwartet wird eine „Sicht von nirgendwo“ (vgl. Singer 2005: 67). Aperspektivische Objektivitätsansprüche sind deshalb meist mit expliziten oder impliziten universellen Wahrheitsansprüchen gekoppelt (vgl. Ernst 1999: 104). Gewollt ist ein „austauschbarer Beobachter“ (Ernst 1999: 100), denn es werden die Beobachtungen, die am leichtesten von anderen Menschen wiederholbar sind und einfach kommuniziert werden können, als am Wirklichkeitsnahesten gesehen. Dies ermöglicht ForscherInnen ihre Ergebnisse als allgemeine, universelle Wahrheiten darzulegen, trotz einer immer noch persönlichen Auseinandersetzung mit den Forschungsobjekten (vgl. ebd.: 100f). Der aperspektivische Objektivitätsbegriff dominiert das heutige Objektivitätsverständnis und setzt sich seit dem 19. Jahrhundert fortwährend durch (vgl. Singer 2005: 67; vgl. Ernst 1999: 145).
Aktuelle Position zur Situiertheit
Das Ideal der wissenschaftlichen Objektivität bleibt trotz viel Kritik bestehen (vgl. Mai; Merl; Mohseni 2018: 22). Erkennbar ist das anhand der Vorrangstellung mechanischer Beobachtungen und Methoden in allen Disziplinen und anhand der strengen Arbeitsteilung (vgl. Ernst 1999: 101). WissenschaftlerInnen haben sich an den Grundgedanken der Neutralität und Distanz zu messen, welche nicht hinterfragt werden.
Dies führt zu einer Verknüpfung der Machtverhältnisse mit den Wahrheiten, denn die Wahrheit wird nicht als die Gesamtheit der Dinge gesehen, sondern an den gültigen Regeln gemessen. Diese bestimmen, welche Aussagen als wahr gelten sollen. Dies führt zu einer Bestätigung der Macht durch die produzierten Wahrheiten (vgl. Mai; Merl; Mohseni 2018: 22). Generell kann der Anspruch der Wahrheit nur durch eine „Wissenschaft der harten Fakten“ (Singer 2005: 260) erreicht werden. Ein weiterer Faktor, welcher es verhindert die Wissens-Macht-Verhältnisse zu kontrollieren und zu hinterfragen, ist die fehlende Auseinandersetzung mit dem empirischen Subjekt (vgl. Singer 2005: 268). Ihm wird keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Singer 2008: 292). In der klassischen Erkenntnistheorie werden vor allem Fragen gestellt, die darauf abzielen was Erkenntnis heißt, was der Gegenstand der Erkenntnis sein kann, unter welchen Bedingungen sie möglich ist oder wie das Subjekt der Erkenntnis bestimmt wird (vgl. Singer 2005: 267). Dies ist die einzige Thematisierung des Subjekts, in welchem es „[…] in einen nicht-empirischen Begriff gefasst„ (Singer 2008: 292) wird. In der klassischen Erkenntnistheorie wird das Wissenssubjekt außerdem von der eigenen sozialen und kulturellen Situiertheit distanziert. Folglich entsteht eine Behandlung von Erkenntnis und Wissen ohne die Miteinbeziehung von Geschichtlichkeit, Körperlichkeit und natürlich Macht- und Herrschaftsverhältnisse (vgl. ebd.: 267).
Situiertheit in der feministischen Wissenschaftskritik
Moderne Objektivität
Der Zusammenhang von wissenschaftlichen Geltungsansprüchen und der Vorstellung von Objektivität wird durch die Analysen von Lorraine Daston sichtbar. Der Begriff der Objektivität wird in der Diskussion vollkommen unabhängig von seiner intellektuellen, sozialen und moraltheoretischen Geschichtlichkeit betrachtet (vgl. Singer 2005: 62f; vgl. Ernst 1999: 98). Objektivität wird entweder als kulturneutrales und geschichtsloses Konzept gesehen oder ihr wird eine Geburtsstunde zugewiesen, seit welcher sie unverändert geblieben sein soll.
Diese Geschichtlichkeit nimmt eine wichtige Rolle in der Definition der modernen Objektivität ein: Dastons empirisch-historischer Zugang hilft zu erkennen, dass sich die Forderung auf das, was wir wissen können, verändert hat. Auch die Definition der Wissenssubjekte und Wissensobjekte hat sich verändert, sowie das, was als objektiv gesehen wird (vgl. Singer 2005: 63). Moderne Objektivität wird als eine Vermischung von verschiedenen Schichten und Konzepten verstanden. Um zu verstehen, was wissenschaftliche Objektivität beanspruchen darf, muss diese Vermischung aufgearbeitet und entwirrt werden. Hierfür ist der geschichtliche Kontext notwendig (vgl. ebd.: 62).
Wissenschaftlichkeits- und Objektivitätsverständnis in der Vergangenheit:
Im 18. Jahrhundert, sowie Anfang des 19. Jahrhunderts bestand der Anspruch der Wissenschaftlichkeit darin, im Namen der Wahrheit einen Idealtypus aus der Natur herauszuarbeiten. Ein/e Wissenschaftler*in galt als ideal, wenn es ihm/ihr möglich war durch die eigene Erfahrung das Relevante von dem Irrelevanten unterscheiden zu können. Somit steht die Urteilskraft im Vordergrund (vgl. ebd.: 64).
Dem im 19. Jahrhundert regierenden mechanistischen Objektivitätsbegriff lag das Ideal der Maschine zugrunde. Das Subjekt des Wissens wurde als Gefahr gesehen, da seine/ihre Urteile und Interpretationen das Abbild der Natur verfälschten. Das Ziel des mechanistischen Objektivitätsbegriffs war das Ausschalten der Neigungen und Interpretationen der Wissenschaftler*innen (vgl. ebd.: 64f). Auch heute finden sich noch deutlich erkennbare Ablagerungen dieses Objektivitätsverständnisses in der Ökonomie der Wissenschaft und in der als selbstverständlich gesehenen wissenschaftlichen Arbeitsmoral (vgl. ebd.: 66).
Situiertes Wissen: Begriffsherkunft
Das Konzept beinhaltet die Annahme der Situiertheit des Wissens und thematisiert die Wissensproduktion von empirischen Subjekten, welche als standortverbunden gesehen werden und ihre Umwelt aus einer Denksozialisation heraus wahrnehmen. Das produzierte Wissen ist somit abhängig von dem gegebenen Kontext (vgl. Singer 2008: 293). Auch die Verbindung zur Politik ist ein wichtiger Gesichtspunkt (vgl. Deuber-Mankowsky; Holzhey 2013: 18). Für Haraway ist der Inbegriff feministischer Objektivität das Situierte Wissen, da nur eine partiale Perspektive es ermöglicht eine objektive Sichtweise zu besitzen (vgl. Singer 2008: 299). Das situierte Wissen gilt außerdem als Paradigma für die feministische Epistemologie (vgl. Singer 2008: 293). Sein Ziel ist unter anderem die Berücksichtigung der grundlegenden historischen Kontingenz aller Wissensansprüche, sowie eine bessere Darstellung der Welt (vgl. Deuber-Mankowsky; Holzhey 2013: 9).
Situiertes Wissen in der Feministischen Wissenschaftskritik
Kritik an der „klassischen“ Wissenschaft
Aus der feministischen Perspektive sind moderne Wissenschaften nicht nur die Lösung, sondern auch ein Teil der Problematik (vgl. Singer 2005: 258). Denn soziale Gruppen, welche in der Wissenschaft dominieren, tragen maßgeblich zur Beeinflussung der wissenschaftlichen Arbeit bei (vgl. Mai; Merl; Mohseni 2018: 22). Die Wissenschaften werden somit durch die unhinterfragten Machtverhältnisse der Produzent*innen geprägt (vgl. Singer 2008: 293; vgl. Mai; Merl; Mohseni 2018: 22). Wissen und Macht sind also eng miteinander verknüpft. Denn was als Wahrheit definiert wird ist vor allem das, was als wahr angenommen wird. Diese Problematik führt zu einer Reproduktion von unterdrückenden Strukturen und diese Erkenntnisse werden als Objektivität dargestellt (vgl. ebd.: 22).
Wahrheitsansprüche
Mona Singer bezieht den Standpunkt die wissenschaftliche Objektivität weder aufzugeben, noch in ihr aufzugehen und auf die Wahrheitsansprüche zu beharren (vgl. Singer 2005: 258). Ansätze wie die feministische, postkoloniale Wissenschaftskritik fragen in Bezug auf die Wahrheit danach, was sich eigentlich für wen und wozu zu wissen lohnt. Dies steht jedoch der Wissenschaftlichkeit nicht kontrastierend gegenüber, sondern auch ehemalige Philosoph*innen haben eine enge Verbindung von Politik und Epistemologie betrieben (vgl. ebd.: 259f). Aufgrund dessen schlägt Singer eine Revision des Wahrheitsbegriffs vor, in welchem Objektivitätsansprüche mit politisch-ethischen Orientierungen diskutiert werden (vgl. ebd.: 260). Denn Wahrheit ist nicht nur eine Frage der Wissenschaftlichkeit, sondern auch der Politik und Ethik. Auch Hannah Arendt spricht davon, dass die Wahrheit nicht irgendwo da draußen ist, sondern zwischen den Menschen liegt. Deshalb ist zwischen Wissenschaft, Gesellschaft, Ethik und Politik die Wahrheit zu verankern (vgl. ebd.: 261). Singer spricht sich außerdem für die „globalen Strategien der Gerechtigkeit“ (Singer 2005: 262) aus. Dies bedeutet, dass die globalen Ungleichverhältnissen im Zentrum stehen und an ein emanzipatorisches Versprechen rückgebunden sind. Um dies zu erreichen ist das epistemologische Paradigma des situierten Wissens zwar der Ausgangspunkt, ist alleine aber nicht genug (vgl. ebd.: 262). Wahrheitsansprüche zu erheben ist außerdem nicht für jede/n Wissenschaftler*in gleich. Denn wer etwas sagt, spielt eine wichtige Rolle: people of color müssen ihre Arbeiten beispielsweise oft vor Anschuldigungen verteidigen, welche sie beschuldigen zu politisch oder moralisch darzustellen (vgl. Mai; Merl; Mohseni 2018: 22).
Sozialkonstruktivismus
Ein Konstruktivismus, der erkenntniskritisch wirkt, ist wichtig um die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion nicht als etwas zu verstehen, dass die Realität einfach abbildet. Der Sozialkonstruktivismus kann hierbei helfen, denn er problematisiert die gesellschaftliche Bedingtheit der Wissenschaft, was das positivistische Wissenschaftsverständnis auflösen kann. Jedoch ist die Perspektive des Sozialkonstruktivismus nicht genug, da Erkenntnis und Wissen allein als Produkt sozialer Beziehungen aufgefasst werden, wodurch sich die Wahrheits- und Objektivitätsansprüche auflösen (vgl. Singer 2005: 262f). Somit ist der Verweis auf die Situiertheit von wissenschaftlichem Wissen und ein radikaler Kontextualismus alleine jedoch kein emanzipatorisches Programm. Das situierte Wissen wird in vielen Ansätzen angewandt und es besteht ein Konsens in der Auffassung von wissenschaftlichem Wissen als sozial und kulturell kontextualisiert. Was genau unter diesem Sozialen und Kulturellen verstanden wird unterscheidet sich jedoch meist (vgl. ebd.: 263). Diesem Problem stellen sich verschiedene Ansätze (vgl. ebd.: 265). Zentrale Faktoren, welche die Bestimmung der Situiertheit beeinflussen, sind die damit verbundenen sozialen, geschichtlichen und kulturellen Theorien, die erkenntnisleitenden politisch-ethischen Perspektiven und das vorherrschende Wissensverständnis (vgl. ebd.: 266).
Epistemologische Perspektive
Wichtig hervorzuheben ist, dass das Paradigma epistemologisch noch nicht viel aussagen kann und aufgrund dessen nur der Ausgangspunkt ist (vgl. ebd.: 266). Darauf folgt die Frage, was die Aufgabe einer emanzipatorischen Epistemologie ist. Theoretiker*innen unterschiedlicher Ansätze legen den Augenmerk hauptsächlich auf die Frage wessen Erkenntnis es ist (vgl. ebd.: 267). Um diese Frage zu beantworten ist die philosophische Erkenntnistheorie zentral (vgl. ebd.: 268). Denn die philosophische Perspektive besitzt einen erkenntniskritischen Blick, welcher vor allem relevant ist, da die Epistemologie auch Raum für Kritik und Utopie benötigt.
Generell herrschen differenziale Meinungen darüber, welche Auswirkungen das Paradigma des situierten Wissens mit sich bringen muss (vgl. Singer 2008: 264). Inzwischen befassen sich ganz unterschiedliche Disziplinen mit dem Begriff der Epistemologie, was zu unterschiedlichen Zugängen führt (vgl. Singer 2005: 269). Diese Zugänge besitzen unterschiedliche Sichtweisen, weshalb sie gemeinsam kein Bild eines komplexen Ganzen darstellen können (vgl. Singer 2008: 293). Singer spricht sich außerdem klar gegen eine Dominanz der empirischen Epistemologie aus, da diese nur auf Analysen beschränkt ist (vgl. Singer 2005: 271). Die Aufgabe der Epistemologie sei es stattdessen „[…] Wissen und Macht als Wirklichkeitssinn und Gerechtigkeit und Ermächtigung als Möglichkeitssinn zu befördern“ (Singer 2005: 272). Eine politisch-ethische Epistemologie kann hier ihren Platz zwischen dem Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn finden und somit die Anforderung der Emanzipation erfüllen. Eine weiter Aufgabe der Epistemologie ist es Wissensansprüche durch Strategien methodisch zu begründen und außerdem Strategien für eine globale Gerechtigkeit zu erarbeiten (vgl. ebd.: 273). Diese Verbindung zwischen dem Paradigma und den politisch-ethischen Strategien der Gerechtigkeit ist mitunter die wichtigste Aufgabe der Epistemologie (vgl. Singer 2008: 300).
Literaturverzeichnis
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Bildquellen
Foto Max Weber: Quelle: „Max Weber, 1918“; Datum: 1918; Link zur Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_Weber,_1918.jpg?uselang=de; Angegebene Quelle des Fotos: https://cdn.britannica.com/49/39749-050-E773E614/Max-Weber-1918.jpg
Foto Karl Popper: Quelle: „Karl Popper in the 1980’s.“; Autor*in: LSE library; Datum: circa 1980; Link zur Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karl_Popper.jpg; Angegebene Quelle des Fotos: https://www.flickr.com/photos/lselibrary/3833724834/in/set-72157623156680255/
Foto Donna Haraway: Quelle: „Donna Haraway en 2016.“; Autor*in: Fabbula Magazine; Datum: 24 May 2016; Link zur Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Donna_Haraway_2016.png; Angegebene Quelle des Fotos: https://www.youtube.com/watch?v=zFGXTQnJETg
Verlinkungsverzeichnis
Max Weber Biografie: https://www.dhm.de/lemo/biografie/max-weber (letzter Aufruf 19.03.2022 10:00); creative commons: siehe auf der Website unten.
Werturteilsstreit: https://de.wikipedia.org/wiki/Werturteilsstreit (letzter Aufruf 19.03.2022 10:00); creative commons: siehe auf der Website unten.
Karl Popper Biografie:https://www.dhm.de/lemo/biografie/karl-popper (letzter Aufruf 19.03.2022 10:00); creative commons: siehe auf der Website unten.
Donna Haraway weiterführende Informationen: https://institut.soziologie.uni-freiburg.de/dokuwiki/doku.php?id=lv-wikis-oeffentlich:post17:sitzung_7_haraway_donna (letzter Aufruf 19.03.2022 10:00)
Weitere Informationen zum Sozialkonstruktivismus: https://institut.soziologie.uni-freiburg.de/dokuwiki/doku.php?id=lv-wikis-bearbeitung:position21:konstruktivismus (letzter Aufruf 19.03.2022 10:00)


